„Alle Leute, die ich kenne, lesen die ZEITUNG!“ — Anmerkungen zu Margot Käßmanns Rücktritt
February 26th, 2010 at 17:41Etwas stimmt nicht in Deutschland, wenn ein Boulevardblatt eine der klügsten, mutigsten und verantwortungsvollsten Politikerinnen Deutschlands wegen des Überfahrens einer roten Ampel nach 3 Glas Wein erpressen und schließlich zum Rücktritt zwingen kann. Etwas stimmt nicht in Deutschland, wenn weiblichen Politikerinnen die Solidarität verweigert wird, ohne die niemand (auch ein Mann nicht) eine Kampagne der Bildzeitung überstehen kann.
Parallelen zu Heinrich Bölls Erzählung DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM drängen sich auf. Während Männer, die ein politisches Amt innehaben, Korruption, Steuerhinterziehung, Psychoterror gegenüber Untergebenen beinahe mühelos überstehen (und sich mit der Bildzeitung bestens verstehen), fühlt eine Frau sich nach einem Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung, bei dem niemand zu Schaden gekommen ist und der nicht das Geringste mit ihrem Amt zu tun hat, zum Rücktritt gedrängt. Dagegen sieht der hessische Ministerpräsident und CDU Vorsitzende Roland Koch — um einen bekannten kriminellen Politiker beim Namen zu nennen — seine Glaubwürdigkeit durch die jahrelang von ihm selbst aktiv unterstützte Verschleierung illegaler Parteispenden an die CDU (Stichwort: “jüdische Vermächtnisse), mit der die Partei sich im Wahlkampf Vorteile verschaffte, eher bestätigt als beschädigt.
Wenn wir schon in Hessen sind: Manchmal bedarf es nicht einmal eines Gesetzesverstoßes. Als Andrea Ypsilanti 2009 ankündigte, ihr ambitioniertes Programm für mehr soziale Gerechtigkeit entgegen ihrer Aussagen im Wahlkampf mit den Stimmen der Linkspartei zu realisieren, bekam sie ein “Glaubwürdigkeitsproblem” und sah sich kurze Zeit später zum Rücktritt gezwungen. Auch hier hat die Bildzeitung kräftig nachgeholfen.
Wann hat die Bildzeitung jemals gegen Roland Koch und seine korrupte Ministerriege “Aufklärung” betrieben? In einem Land in dem Alkohol am Steuer bei einer Frau moralisch schwerer wiegt als die Anstachelung zu Rassismus (Stichwort: “Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?”) und das Eintreiben illegaler Parteispenden im großen Stil sind die Werte falsch justiert. Alexander Schwabes Kommentar in DIE ZEIT legt den Finger auf die Wunde — eine Wunde, die mit Margot Käßmanns Rücktritt nur fürs erste und scheinbar geschlossen ist.
“Wie mündig und erwachsen sind wir eigentlich, dass es noch Bischöfen und Bischöfinnen bedarf, vorzuleben, was und wie etwas richtig ist? Ist nicht frei nach Luther jeder aus sich heraus verantwortlich dafür, was er glaubt und was er tut? Eine Gesellschaft wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte. Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur den Job gut macht. Der Ruf nach lupenreinen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht.”
Was Schwabe nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass es vornehmlich Frauen sind, die sich mit dieser infantilen Sehnsucht nach lupenreinen Vorbildern auseinandersetzen müssen. Männliche Politiker werden mit anderen, scheinbar erwachseneren Sehnsüchten belegt. Von ihnen erwartet man nicht mütterliche Geborgenheit (eine Form von “Lupenreinheit”), sondern väterliche Autorität. Laut, populistisch, unduldsam.
Margot Käßmanns Mut, eben diesen Autoritätsdiskurs in Frage zu stellen, sich gegen Homophobie, soziale Ungerechtigkeit + Krieg auszusprechen und sich dabei auch von als politisches Argument getarnten Verleumdungen (siehe Ralf Fücks) nicht einschüchtern zu lassen, ist vorbildlich, ohne dabei infantile Sehnsüchte zu befriedigen.
Liebe Margot Käßmann, ihre Stimme wird auch im Ausland gehört. Ich hoffe Sie werden sich auch in Zukunft in die wichtigen Debatten einmischen.






